Rauchen: Rebellion, Widerstand, Resignation

Als ich an mein Gymnasium kam, in Dänemark nach der zehnten Klasse, war alles anders.

Neue Freunde, Hoffnung, Freiheit und ein neuer Alltag. Ich war weiter faul, machte selten meine Hausaufgaben und forderte Lehrer und Mitschüler zu Diskussionen heraus. Eine soziale Hemmschwelle war überschritten, aber ich verstand weiter eine Menge regeln nicht oder befolgte sie ohne besonderen Enthusiasmus.

Einer meiner Freunde brachte aus dem Urlaub in Ägypten billige Zigaretten ohne Filter mit, die ich ihm für ein Fotoprojekt abkaufte. In der zwölften Klasse protestierte ich mit folgendem Foto gegen meine rauchende Freundin, meine Eltern und den Rest der rauchenden Welt. Dazu noch öffentlich, auf einer Foto- und Kunst community im Netz. Die machte die Fotos auf einem Friedhof, der an das Schulgelände grenzte.


captain smoker by JonathanMH on DeviantArt

Mein Unverständnis fürs Rauchen ging auf seinen Höhepunkt zu. Ich war wütend auf Dinge, die mir dumm vorkamen, intolerant oberflächlichen Äußerungen gegenüber und ließ das die respektiven Menschen deutlich spüren. Meine damalige Freundin rauchte heimlich und ich musste für sie lügen. Für mich war ich Schild gegen Eltern und das Rauchen verkörperte für mich sinnlose Unvernunft.

Ich hatte etwas gegen alle bewusstseinsverändernden Mittel, außer vielleicht Alkohol. Eines der letzten Wochenenden mit ihr, zog ich sie in ein Taxi, nachdem sie nach zu viel Bier und einem Zug von der Bong kaum vom Klo zu kriegen war.

Ich war sauer, wusste aber keinen guten Weg damit klar zu kommen. Sie machte Schluss und ich trank drei nächte lang mit einem guten Freund.

Rauchen verstand ich noch immer nicht und konnte es bei Menschen in meiner emotionalen Nähe nicht tolerieren. Damals verglich ich es mit einer gesellschaftlich akzeptierten Form von selbstverletzendem Verhalten.

Kurze Zeit später rauchte meine neue Freundin auf einer Party, wir stritten uns, ich schlug in eine Wand, wir versöhnten uns. Unreife, Alkohol und keine Ahnung oder Strategie mich damit abzufinden oder Nein zu sagen, führten zu Kurzschlüssen, meinen Fehlern. Ich hatte als Sonderling und Einzelgänger nie wirklich viel an Konfliktbewältigung gelernt. In meinem Kopf verlor ich sie auch an Kippen und dass sie nur ihre Essstörung damit füttern wollte, durch Nikotin weniger Appetit zu haben, dabei hatte sie für mich/uns gerade aufgehört zu Kotzen.

Ein weiteres Foto entsteht irgendwo unterwegs:


own grave by JonathanMH on DeviantArt

Irgendwann zogen wir zusammen. Wir stritten uns, waren aber für einander da. Etliche Chanchen nahmen und gaben wir und irgendwann ließ ich die Zweifel los und dachte nicht mehr an Konsequenzen. Meine Ausbildung war Stress, zu Hause war Stress. Die 30 Minuten hin und zurück waren gefühlt frei.

Wir pafften zusammen auf nächtlichen Spaziergängen, ich rauchte weiter, irgendwann auch mal in den Pausen an der Berufsschule. Mein bester Freund, den ich dort gefunden hatte, erinnert mich mit seiner Reaktion stark an mich. Besorgt, verständnislos. Er fands immer scheiße und erinnerte mich ab und zu daran. Wir waren ähnlich aufgewachsen, ähnliche Eltern, mochten Computerspiele, er war nur viel sozialer und schien irgendwie glücklicher.

Ich hatte aufgegeben. Aus Erinnerungen stellte ich all die Marken an Zigaretten zusammen, die jemals jemand als zu stark beschrieben hatte und rauchte diese. Nachts, auf dem Weg zur Arbeit und zurück, öfter einfach so, natürlich vermehrt beim Feiern.

Für mich machte die verkürzte Lebenszeit keinen Unterschied. Für mich war es eine Gewissheit, dass ich jeden Tag umfallen könnte und mein Dasein keinen Effekt hatte. Hoffnungslos und ohnmächtig und außer Stande mich oder andere vor Unglück zu retten. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass doch bitte Eltern ihre Gefechte nie, nie, nie über ihre Kinder austragen sollten.) Wenn schon drauf gehen, dann doch wenigstens das hier probieren, oder?

Das schwerelose Gefühl des Nikotin-high ist eine kurze Flucht aus meinem Leben, aus misslungenen Versuchen und mangelnder emotionaler Kapazität. Das beißende Gefühl beim auf Lunge rauchen ist ein guter Ersatz für selbstverletzendes Verhalten, das immer seltener wird und wirklich gesellschaftlich viel akzeptierter ist.

Ich bin 20 als die Beziehung endet und mir geht es gut. Für 3 Wochen höre ich bald auf, aber falle wieder zurück, natürlich unter Alkoholeinfluss. Noch während der Ausbildung machte ich ein Foto von meinem Aschenbecher, mit meiner ersten digitalen Spiegelreflex. Die kritische Auseinandersetzung fing an.


killing fields by JonathanMH on DeviantArt

Wenn ich feiern gehe, stehe ich am liebsten draußen, oder im Raucherbereich; reden, trinken, ziehen, vergessen, wieder Leben. Sehr ironisch.

Was ich früher nicht bereute, heute schon, dass ich meiner damaligen Freundin zeigte wie man inhaliert. Ich weiß nicht mehr warum ich das tat oder sie es nicht kontte, es war keine böse Absicht. Sie hatte doch angefangen.

Das wars. 17 Jahre aktiver Widerstand, seit ich drei war, dahin. Offiziell Raucher, das Studium bald vor der Tür, Ausbildung in der Hälfte der Zeit hitner mir. Ich war funktional, mittlerweile abhängig von Kippen, alles ohne schlechter. Sie waren Pause von Menschen für mich. Die Kritik und Empörung von allen Seiten prallte ab oder blieb aus. Wer mich kannte, war froh, dass es mir doch gut zu gehen schien.

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